Meine Lieben Brüder und
Schwestern!
"Unser Leben währt siebzig Jahre, und wenn es
hoch kommt, sind es achtzig, Das Beste daran sind nur
Mühsal und Beschwer, rasch geht es vorbei, wir
fliegen dahin"(Ps 90, 10)
1. Siebzig Jahre waren zu der Zeit,
als der Psalmist diese Worte schrieb, ein stattliches
Alter, das nicht viele überschritten haben;
heutzutage kommt es dank der medizinischen Fortschritte
sowie der verbesserten sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse in vielen Gegenden der Welt zu einer
beträchtlichen Verlängerung der Lebensdauer.
Doch es läßt sich nicht leugnen: Die Jahre
verfliegen; obwohl das Leben von Mühsal und
Beschwerden gezeichnet ist, ist es als Geschenk zu
schön und zu wertvoll, als daß wir dessen
müde sein könnten.
Auch ich bin mittlerweile alt geworden. So verspüre
ich den Wunsch, mit euch alten Menschen ins Gespräch
zu kommen. Ich tue dies vor allem aus der Dankbarkeit
heraus, die ich Gott für die Gaben und
Möglichkeiten schulde, mit denen er mich bis zum
heutigen Tag reichlich beschenkt hat. In meiner
Erinnerung ziehen die Etappen meines Lebens vorüber,
das mit der Geschichte eines langen Stücks dieses
Jahrhunderts verflochten ist. Vor meinem inneren Auge
gewinnen die Gesichter unzähliger Personen Konturen,
von denen mir einige besonders teuer sind: Erinnerungen
an gewöhnliche und außergewöhnliche
Ereignisse, an frohe Augenblicke ebenso wie an
Begebenheiten, die von Leid gezeichnet sind. Doch sehe
ich, wie sich über allem Gottes väterliche Hand
ausbreitet. Mit Umsicht und Erbarmen"sorgt er
bestmöglich für alles, was ins Dasein gerufen
ist".(1) Er erhört uns, wann immer wir etwas
erbitten, das seinem Willen entspricht (vgl. 1 Joh 5,
14). Mit dem Psalmisten sage ich zu ihm:"Gott, du hast
mich gelehrt von Jugend auf, und noch heute verkünde
ich dein wunderbares Walten. Auch wenn ich alt und grau
bin, o Gott, verlaß mich nicht, damit ich von
deinem machtvollen Arm der Nachwelt künde, den
kommenden Geschlechtern von deiner Stärke"(Ps 71,
17-18).
Meine Gedanken wenden sich voller Zuneigung euch allen
zu, liebe Senioren jeder Sprache und Kultur. An euch
richte ich diesen Brief in dem Jahr, das die Organisation
der Vereinten Nationen zu Recht den alten Menschen
gewidmet hat, um die ganze Gesellschaft auf die Lage
derjenigen aufmerksam zu machen, die infolge der Last des
Alters oft mit vielfältigen und schwierigen
Problemen fertigwerden müssen.
Wertvolle Überlegungen zu diesem Thema hat schon der
Päpstliche Rat für die Laien vorgelegt.(2) Mit
dem vorliegenden Schreiben möchte ich lediglich
ausdrücken, daß ich euch geistlich nahe bin.
Denn von Jahr zu Jahr fühle ich, wie in mir das
Verständnis für diesen Lebensabschnitt immer
mehr wächst. Damit geht auch das Bedürfnis
einher, in unmittelbareren Kontakt zu meinen
Altersgenossen zu treten. Ich möchte mit ihnen
über gemeinsame Erfahrungen nachdenken und alles
unter den Blick Gottes stellen, der uns mit seiner Liebe
umfängt und uns mit seiner Vorsehung stützt und
leitet.
2. Liebe Brüder und Schwestern!
Wenn wir mit unseren Gedanken in die Vergangenheit
zurückkehren und gleichsam eine Bilanz zu ziehen
versuchen, dann liegt das in unserem Alter nahe. Diese
Rückschau erlaubt uns eine gelassenere und
sachlichere Beurteilung von Personen und Situationen,
denen wir auf unserem Weg begegnet sind. Im Laufe der
Zeit verschwimmen die scharfen Konturen der Ereignisse,
und ihre schmerzhaften Kanten erscheinen in milderem
Licht. Leider gibt es im Leben eines jeden Menschen
reichlich Kummer und Leid. Manchmal handelt es sich um
Probleme und Schmerzen, in denen die seelische und
körperliche Belastbarkeit auf eine harte Probe
gestellt wird. Sogar der Glaube kann erschüttert
werden. Doch die Erfahrung lehrt uns, daß mit der
Gnade des Herrn gerade die täglichen Mühen oft
den Menschen erst reifen lassen und den Charakter
stärken.
Über die einzelnen Ereignisse hinaus macht man sich
besonders Gedanken über die Zeit, die unerbittlich
verrinnt. "Unwiederbringlich entflieht die Zeit",
urteilte der antike lateinische Dichter.(3) Der Mensch
ist in die Zeit eingetaucht: In die Zeit wird er
hineingeboren, in ihr lebt und stirbt der Mensch. Mit der
Geburt wird ein Datum gesetzt, das erste seines Lebens,
und mit dem Tod ein weiteres und letztes: Die beiden
Daten markieren Alpha und Omega, Anfang und Ende seiner
irdischen Geschichte, wie es die christliche Tradition
dadurch unterstreicht, daß sie diese Buchstaben des
griechischen Alphabets in die Grabsteine
einmeißelt.
Wenngleich die Existenz eines jeden von uns so begrenzt
und zerbrechlich ist, tröstet uns doch der Gedanke,
daß wir kraft der Geistseele über den Tod
hinaus leben. Der Glaube eröffnet uns darüber
hinaus eine"Hoffnung, die nicht zugrunde gehen
läßt" (Röm 5, 5): Er eröffnet uns
die Aussicht auf die Auferstehung am Ende der Zeiten.
Nicht umsonst wendet die Kirche in der feierlichen
Osternacht eben diese Buchstaben auf Christus an, der
lebendig ist gestern, heute und in Ewigkeit:"Er ist
Anfang und Ende, Alpha und Omega. Sein ist die Zeit und
die Ewigkeit".(4) Auch wenn die Geschichte des Menschen
der Zeit unterworfen ist, wird sie von Christus in den
Horizont der Unsterblichkeit gerückt. Er"ist Mensch
unter den Menschen geworden, um den Anfang mit dem Ende,
das heißt den Menschen mit Gott zu
vereinen".(5)
Ein kompliziertes Jahrhundert auf dem Weg
in eine hoffnungsvolle Zukunft
3. Wenn ich mich an die alten
Menschen wende, bin ich mir bewußt, zu Personen und
über Personen zu reden, die einen langen Weg hinter
sich haben (vgl. Weish 4, 13). Ich spreche zu meinen
Altersgenossen. Deshalb fällt es mir nicht schwer,
nach einer Analogie in meinem persönlichen Leben zu
suchen. Unser Leben, liebe Brüder und Schwestern,
ist von der Vorsehung in dieses zwanzigste Jahrhundert
hineingestellt worden. Dieses Jahrhundert hat von der
Vergangenheit ein komplexes Erbe empfangen und war so
Zeuge zahlreicher, außergewöhnlicher
Ereignisse.
Wie viele andere Zeiten der Geschichte hat auch dieses
Jahrhundert Licht und Schatten erlebt. Nicht alles war
finster. Viele positive Aspekte haben das Negative
aufgewogen oder sind gar aus ihm erwachsen, weil das
kollektive Gewissen gut darauf reagiert hat. Es stimmt
jedoch, daß es unglaubliche Leiden gegeben hat, die
das Leben von Millionen und Abermillionen Menschen
betroffen haben. Das zu vergessen, wäre ebenso
ungerecht wie gefährlich! Man denke nur an die
Konflikte, die auf verschiedenen Kontinenten ausbrachen
und aufgrund territorialer Zwistigkeiten oder infolge des
Hasses unter ethnischen Gruppen entstanden sind. Als
nicht weniger schwerwiegend dürfen die Bedingungen
extremer Armut gelten, von der breite Schichten der
Gesellschaft auf der Südhälfte des Erdballs
betroffen sind, ganz zu schweigen von der
beschämenden Rassendiskriminierung und der
systematischen Verletzung der Menschenrechte in vielen
Nationen. Was soll man schließlich sagen im
Hinblick auf die großen Weltkonflikte?
In der ersten Hälfte des Jahrhunderts gab es derer
gleich zwei. Damit verbunden war eine nie zuvor gekannte
Zahl von Toten und Zerstörungen. Der Erste Weltkrieg
mähte Millionen von Soldaten und Zivilisten dahin.
So viele Menschenleben an der Schwelle des Jugend- oder
gar Kindesalters wurden dahingerafft. Und was soll ich
erst sagen vom Zweiten Weltkrieg? Nach wenigen
Jahrzehnten relativen Friedens in der Welt ist er
besonders über Europa hereingebrochen. Dieser
Weltkrieg war tragischer als der vorhergehende und hatte
schreckliche Folgen für das Leben der Nationen und
Kontinente. Es war der totale Krieg, eine unvorstellbare
Mobilisierung des Hasses, die sich auf brutale Weise auch
auf der wehrlosen Zivilbevölkerung entlud und ganze
Generationen vernichtet hat. Der Tribut, der an den
verschiedenen Fronten dem Kriegswahnsinn gezollt wurde,
geht ins Unermeßliche, und ebenso grauenhaft waren
die Massaker in den Vernichtungslagern, die in der Tat
zum Golgota unseres Zeitalters geworden sind.
Auf der zweiten Hälfte des Jahrhunderts lastete
über viele Jahre hinweg der Alptraum des Kalten
Krieges. Ost und West standen sich als zwei große
ideologische Machtblöcke gegenüber, was mit
einem irrsinnigen Rüstungswettlauf verbunden war.
Ständig stand die Drohung eines Atomkrieges im Raum,
der zur Auslöschung der Menschheit hätte
führen können.(6) Im letzten, jetzt zu Ende
gehenden Jahrzehnt haben sich auf der Weltbühne
rasche und wichtige Veränderungen vollzogen,
angefangen vom Zusammenbruch der unterdrückerischen
totalitären Regime in Europa. Dies geschah in einem
gewaltlosen Kampf, der nur von den Waffen der Wahrheit
und der Gerechtigkeit Gebrauch machte.(7) So wurde ein
mühsamer, aber fruchtbarer Prozeß des Dialogs
und der Versöhnung in Gang gebracht, der ein von
mehr Entspannung und Solidarität geprägtes
Zusammenleben zwischen den Völkern zum Ziel hat.
Zu viele Nationen sind indes noch weit davon entfernt,
die Wohltaten des Friedens und der Freiheit
genießen zu dürfen. Großes Bangen hat in
den vergangenen Monaten der gewaltsame Konflikt
ausgelöst, der auf dem Balkan ausgebrochen war.
Dieses Gebiet war bereits in den vorausgegangenen Jahren
Schauplatz eines furchtbaren Krieges mit ethnischem
Hintergrund. Es kam zu neuerlichem Blutvergießen,
zu weiteren Zerstörungen, erneut wurde Hab
geschürt. Da sich endlich die Gewalt der Waffen
gelegt hat, beginnt man nunmehr, im Ausblick auf das neue
Jahrtausend an den Wiederaufbau zu denken. Unterdessen
flammen indes auch in anderen Kontinenten zahlreiche
Kriegsherde weiter auf und entladen sich manchmal in
Massakern und Gewalttaten, die bei den Medien nur allzu
schnell in Vergessenheit geraten.
4. Wenn uns diese Erinnerungen und
schmerzlichen aktuellen Geschehnisse auch traurig
stimmen, können wir dennoch nicht unterschlagen,
daß unser Jahrhundert vielfältige positive
Signale am Horizont erscheinen sah, aus denen sich
gleichzeitig Hoffnung für das dritte Jahrtausend
schöpfen läßt. Es gibt zwar viele
Widersprüche, besonders was die Achtung vor dem
Leben jedes Menschen anbelangt. Doch ist das
Bewußtsein für die allgemeinen Menschenrechte
gewachsen, die sich in feierlichen, für die
Völker verbindlichen Erklärungen
niedergeschlagen haben.
Es hat sich gleichermaßen das Bewußtsein vom
Selbstbestimmungsrecht der Völker herausgebildet im
Rahmen der nationalen und internationalen Beziehungen,
die vom Geist der Wertschätzung gegenüber
kultureller Eigenheiten und gleichzeitig von der Achtung
der Minderheiten geleitet sind. Der Zusammenbruch
totalitärer Systeme wie jener in Osteuropa
ließ die umfassende Wahrnehmung wachsen, wie
wertvoll Demokratie und freier Markt sind. Dennoch ist
die enorme Herausforderung geblieben, Freiheit und
soziale Gerechtigkeit miteinander zu verbinden.
Als großartiges Gottesgeschenk darf man auch
werten, daß die Religionen mit immer
größerer Entschlossenheit einen Dialog
anstreben, der sie für die Welt zu einem
wesentlichen Baustein des Frieden und der Einheit machen
soll.
Was soll man dazu sagen, daß die Würde der
Frau im allgemeinen Bewußtsein mehr und mehr
anerkannt wird? Zweifellos liegt noch ein weiter Weg vor
uns, aber die Linie ist vorgezeichnet. Grund zur Hoffnung
liegt außerdem in der intensiven Ausweitung der
Kommunikationsmittel, die es dank der modernen
Technologie möglich machen, die herkömmlichen
Grenzen zu überwinden. So geben sie uns das
Gefühl, Weltbürger zu sein.
Auf einem weiteren wichtigen Bereich hat sich ein
Reifeprozeß ereignet, was die neue
Sensibilität für die Umwelt anzeigt, die
Unterstützung verdient. Hoffnungsschimmer sind auch
die großen Fortschritte der Medizin und der zum
Wohl des Menschen angewandten Wissenschaften.
Es gibt also viele Gründe, weshalb wir Gott danken
dürfen. Denn trotz allem liegen in dieser
Jahrhundertwende große Möglichkeiten für
Frieden und Fortschritt. Aus den Prüfungen, die
unsere Generation durchgemacht hat, erstrahlt ein Licht,
das die Jahre unseres Alters zu erleuchten vermag. Auf
diese Weise bestätigt sich ein Grundsatz, der dem
christlichen Glauben lieb und teuer ist:"Nicht nur,
daß Leiden und Sorgen die Hoffnung nicht
zerstören, sie sind sogar ihr Fundament".(8)
So hat es eine besondere Bedeutung, daß wir zu
einer Zeit innehalten, da sich das Jahrhundert und das
Jahrtausend ihrem Ende zuneigen. Ein neues Zeitalter der
Menschheit dämmert herauf. Da halten wir inne, um
über die Tatsache der schnell dahineilenden Zeit
nachzudenken, nicht um uns mit einem unerbittlichen
Schicksal abzufinden, sondern um den uns noch
verbleibenden Lebensjahren Sinn und Wert zu
verleihen.
Der Herbst des Lebens
5. Was ist das Alter? Manchmal nennt
man es den Herbst des Lebens -- wie das schon Cicero
tat(9) -- und folgt damit der Analogie, die von den
Jahreszeiten und Phasen nahegelegt wird, die in der Natur
aufeinanderfolgen. Es genügt, die Veränderungen
der Landschaft im Laufe des Jahres zu beobachten: Es
erzählen die Berge und das flache Land, die Wiesen,
Täler und Wälder, die Bäume und Pflanzen.
Es besteht eine große Ähnlichkeit zwischen dem
Biorhythmus des Menschen und den Kreisläufen der
Natur, in die er eingebunden ist.
Gleichzeitig unterscheidet sich jedoch der Mensch von
jeder anderen Wirklichkeit, die ihn umgibt. Denn er ist
Person. Geformt nach dem Bild und Gleichnis Gottes, ist
er ein Subjekt, das mit Bewußtsein und
Verantwortung ausgestattet ist. Doch auch in seiner
geistigen Dimension erlebt der Mensch die
Aufeinanderfolge verschiedener Phasen, die alle gleich
vergänglich sind. Der hl. Ephräm der Syrer hat
das Leben gern mit den Fingern einer Hand verglichen.
Einerseits wollte er damit hervorheben, daß die
Länge des Lebens nicht über die einer
Handbreite hinausreicht; andererseits verstand er den
Vergleich als Hinweis darauf, daß so wie jeder
Finger auch jede Lebensphase ihre Eigenart hat:"Die
Finger stellen die fünf Stufen dar, auf denen der
Mensch vorwärtskommt".(10)
Wenn also Kindheit und Jugend die Periode sind, in der
sich die Persönlichkeit des Menschen herausbildet,
in der er auf die Zukunft hin lebt und, während er
sich der eigenen Möglichkeiten bewußt wird,
Pläne für das Erwachsenenalter schmiedet, hat
auch das Alter sein Gutes. Denn während es -- wie
der hl. Hieronymus bemerkt -- das heftige Aufwallen der
Leidenschaften dämpft,"erhöht es die Weisheit
und erteilt reiferen Rat".(11) Das Alter ist gleichsam
die Hoch-Zeit jener Weisheit, die im allgemeinen Frucht
der Erfahrung ist, weil"die Zeit eine große
Lehrmeisterin ist".(12) Das Gebet des Psalmisten ist ja
bekannt: "Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann
gewinnen wir ein weises Herz"(Ps 90, 12).
Die alten Menschen in der Heiligen
Schrift
6. "Die Jugend und das dunkle Haar
sind Windhauch", stellt Kohelet fest (11, 10). Die Bibel
unterläßt es nicht, bisweilen mit
unverblümtem Realismus auf die Hinfälligkeit
des Lebens und auf die unerbittlich enteilende Zeit
hinzuweisen:"Windhauch, Windhauch [...],
Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch"(Koh 1, 2):
Wer kennt nicht die strenge Mahnung des antiken Weisen?
Besonders wir verstehen sie wir alten Menschen, durch
Erfahrung belehrt.
Trotz dieses nüchternen Realismus bewahrt die
Schrift eine sehr positive Sicht vom Wert des Lebens. Der
Mensch bleibt immer nach dem"Bild Gottes"geschaffen (vgl.
Gen 1, 26), und jedes Lebensalter hat seine eigene
Schönheit und seine Aufgaben. Gerade das
fortgeschrittene Alter findet im Worte große
Beachtung, die so weit geht, daß langes Leben als
Zeichen göttlichen Wohlwollens gesehen wird (vgl.
Gen 11, 10-32). Mit Abraham, an dessen Gestalt das
Privileg der Betagtheit besonders hervorsticht, nimmt
dieses Wohlwollen die Züge einer Verheibung an:"Ich
werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen
und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du
sein. Ich will segnen, die dich segnen; wer dich
verwünscht, den will ich verfluchen. Durch dich
sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen"(Gen 12,
2-3). An seiner Seite ist Sara, die Frau, die sieht, wie
ihr Körper zwar altert, doch die an ihrem bereits
verwelkten Leib die Kraft Gottes als Ausgleich der
menschlichen Unzulänglichkeit erlebt.
Mose ist schon ein betagter Mann, als Gott ihm den
Auftrag erteilt, das auserwählte Volk aus
Ägypten herauszuführen. Die großen Taten,
die er im Auftrag des Herrn für Israel vollbringt,
fallen nicht in seine Jugendjahre, sondern in die Zeit
seines Alters.
Unter den weiteren Beispielen alter Menschen in der Bibel
möchte ich Tobit nennen, der sich mit Bescheidenheit
und Mut anstrengt, Gottes Gesetz zu erfüllen, den
Armen zu helfen und seine Blindheit geduldig zu ertragen,
bis er das entschlossene Eingreifen des Engels Gottes
erfuhr (vgl. Tob 1-2). Auch möchte ich noch Eleasar
erwähnen, dessen Martyrium ein Zeugnis einzigartiger
Hochherzigkeit und Tapferkeit ist (vgl. 2 Makk 6,
18-31).
7. Das Neue
Testament, das vom Licht Christi durchdrungen ist,
führt uns ebenfalls bemerkenswerte hochbetagte
Gestalten vor Augen. Das Lukasevangelium beginnt mit der
Vorstellung eines Ehepaares"in vorgerücktem
Alter"(1, 7): Elisabet und Zacharias, die Eltern Johannes
des Täufers. Ihnen wendet sich der Herr in seiner
Barmherzigkeit zu (vgl. Lk 1, 5-25.39-79): dem alten
Zacharias wird die Geburt eines Sohnes angekündigt.
Er selbst verschweigt es nicht:"Ich bin ein alter Mann,
und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter"(Lk 1,
18). Während Marias Besuch ruft ihre betagte
Verwandte Elisabet, erfüllt vom Heiligen
Geist:"Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und
gesegnet ist die Frucht deines Leibes"(Lk 1, 42); und bei
der Geburt Johannes des Täufers stimmt Zacharias den
Hymnus des Benedictus an. Ein wunderbares Ehepaar in
vorgerücktem Alter, tief erfüllt vom Geist des
Gebets!
Als Maria und Josef Jesus in den Tempel bringen, um ihn,
den Erstgeborenen, nach dem Gesetz dem Herrn zu weihen,
begegnen sie dort dem alten Simeon, der schon lange auf
den Messias gewartet hat. Er nimmt das Kind in seine Arme
und preist Gott mit den Worten Nunc dimittis...:"Nun
läßt du, Herr, deinen Knecht in Frieden
scheiden"(Lk 2, 29).
An seiner Seite treffen wir Anna, eine Witwe von
vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im
Tempel auf und hatte bei dieser Gelegenheit die Freude,
Jesus zu schauen. Der Evangelist merkt an: Anna"pries
Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die
Erlösung Jerusalems warteten"(Lk 2, 38).
Ein alter Mann ist auch Nikodemus, ein führendes
Mitglied des Hohen Rates. Er suchte Jesus bei Nacht auf,
um von keinem gesehen zu werden. Ihm offenbart der
göttliche Meister, daß er der Sohn Gottes und
gekommen sei, die Welt zu retten (vgl. Joh 3, 1-21). Wir
werden Nikodemus bei der Bestattung Christi wieder
begegnen: er bringt eine Mischung aus Myrrhe und Aloe
mit, überwindet die Angst und gibt sich als
Jünger des Gekreuzigten aus (vgl. Joh 19, 38-40).
Wie trostvoll sind diese Zeugnisse! Sie erinnern uns
daran, daß der Herr Menschen jeden Alters bittet,
ihre Talente einzubringen. Der Dienst am Evangelium ist
keine Frage des Alters!
Und was soll man vom alt gewordenen Petrus sagen, der
dazu berufen wurde, seinen Glauben durch das Martyrium zu
bezeugen? Zu ihm hatte Jesus eines Tages gesagt:"Als du
noch jung warst, hast du dich selbst gegürtet und
konntest gehen, wohin du wolltest. Wenn du aber alt
geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und
ein anderer wird dich gürten und dich führen,
wohin du nicht willst"(Joh 21, 18). Das sind Worte, die
mich als Nachfolger Petri unmittelbar berühren. Sie
lassen in mir das starke Bedürfnis aufkommen, meine
Hände den Händen Christi entgegenzustrecken und
seinem Gebot zu gehorchen:"Folge mir nach!"(Joh 21,
19).
8. Der 92. Psalm faßt die
glänzenden Zeugnisse alter Menschen, die wir in der
Bibel finden, gleichsam zusammen:"Der Gerechte gedeiht
wie die Palme, er wächst wie die Zedern des Libanon;
... Sie tragen Frucht noch im Alter und bleiben voll Saft
und Frische; sie verkünden: Gerecht ist der
Herr"(13.15-16). Der Apostel Paulus stimmt dem Psalmisten
zu, wenn er im Brief an Titus schreibt:"Die älteren
Männer sollen nüchtern sein, achtbar, besonnen,
stark im Glauben, in der Liebe, in der Ausdauer. Ebenso
seien die älteren Frauen würdevoll in ihrem
Verhalten...; sie müssen fähig sein, das Gute
zu lehren, damit sie die jungen Frauen dazu anhalten
können, ihre Männer und Kinder zu lieben"(2,
2-5).
Im Licht dessen, was die Bibel lehrt, und in der Wahl der
Worte, die sie auszeichnet, stellt sich somit das Alter
als"günstige Zeit"vor, um das Abenteuer des Menschen
zu vollenden. Das Alter gehört in den Plan, den Gott
mit jedem Menschen hat. Es ist der Zeitraum, in dem alles
zusammenläuft, damit der Mensch den Sinn des Lebens
besser erfassen und zur"Weisheit des Herzens"gelangen
kann."Ehrenvolles Alter besteht -- wie das Buch der
Weisheit darlegt -- nicht in einem langen Leben und wird
nicht an der Zahl der Jahre gemessen. Mehr als graues
Haar bedeutet für die Menschen die Klugheit, und
mehr als Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel"(4,
8-9). Das Alter stellt die entscheidende Etappe der
menschlichen Reife dar und ist Ausdruck des
göttlichen Segens.
Hüter eines kollektiven
Gedächtnisses
9. In der Vergangenheit hegte man
große Achtung vor den alten Menschen. Der
lateinische Dichter Ovid schrieb in diesem
Zusammenhang:"Groß war einst die Hochachtung vor
einem weißhaarigen Haupt".(13) Einige Jahrhunderte
früher mahnte der griechische Dichter
Phokylides:"Achte die weißen Haare: Erweise dem
weisen Alten dieselbe Ehrerbietung, die du deinem Vater
entgegenbringst".(14)
Und heute? Wenn wir die gegenwärtige Situation
genauer anschauen, dann stellen wir fest, daß bei
einigen Völkern das Alter geachtet wird und in hohem
Wert steht; bei anderen hingegen ist das wegen einer
Geisteshaltung, die unmittelbare Nützlichkeit und
Produktivität des Menschen an den ersten Platz
stellt, weit weniger der Fall. Auf Grund dieser Haltung
wird das sogenannte dritte oder vierte Lebensalter oft
abgewertet, und die alten Menschen selbst müssen
sich fragen, ob ihr Dasein noch zu etwas nütze
sei.
Man geht sogar soweit, mit zunehmender Eindringlichkeit
die Euthanasie als Lösung für schwierige
Situationen vorzuschlagen. Der Begriff Euthanasie hat
leider in diesen Jahren für viele Menschen jenes
Merkmal des Schreckens verloren, das er natürlich
bei denen wachruft, die für die Achtung vor dem
Leben empfänglich sind. Sicher kann es vorkommen,
daß in Fällen schwerer Krankheiten, die mit
unerträglichen Leiden einhergehen, die davon
heimgesuchten Menschen versucht sind, ganz aufzugeben.
Dann kann es geschehen, daß ihre Angehörigen
oder Pfleger sich von einem mißverstandenen Mitleid
dazu veranlaßt fühlen, den "sanften
Tod"für eine vernünftige Lösung zu halten.
In diesem Zusammenhang muß man daran erinnern,
daß das Sittengesetz den Verzicht auf
sogenannten"therapeutischen Übereifer"(15) billigt
und nur jene Behandlungen verlangt, die zu den normalen
Erfordernissen ärztlicher Betreuung gehören.
Aber die Euthanasie als direkte Herbeiführung des
Todes ist etwas ganz anderes! Sie bleibt ungeachtet der
Absichten und Umstände eine in sich schlechte
Handlung, eine Verletzung des göttlichen Gesetzes,
eine Beleidigung der Würde der menschlichen
Person.(16)
10. Man muß dringend die
richtige Perspektive wiedergewinnen, aus der das Leben in
seiner Ganzheit gesehen wird. Und diese richtige
Perspektive ist die Ewigkeit, deren maßgebende
Vorbereitung das Leben in jeder seiner Phasen ist. Auch
dem Alter kommt in diesem fortschreitenden
Reifungsprozeß des Menschen auf dem Weg zur
Ewigkeit seine Rolle zu. Aus dieser Reifung soll eben
auch die soziale Gruppe, zu welcher der alte Mensch
gehört, Nutzen ziehen können.
Menschen im vorgerückten Alter helfen uns, mit mehr
Weisheit auf die irdischen Angelegenheiten zu schauen,
weil sie durch die Wechselfälle des Lebens erfahren
und reif geworden sind. Sie sind Hüter des
kollektiven Gedächtnisses und daher bevorzugte
Interpreten jener Gesamtheit von gemeinsamen Idealen und
Werten, die das Zusammenleben in der Gesellschaft tragen
und leiten. Wollte man die alten Menschen
ausschließen, würde der Anschein erweckt, als
sollte im Namen einer gedächtnislosen
Modernität die Vergangenheit, in die sich die
Wurzeln der Gegenwart einsenken, abgelehnt werden. Dank
ihrer reifen Erfahrung sind die Senioren dazu imstande,
den Jungen wertvolle Ratschläge und Lehren zu
erteilen.
Die Seiten menschlicher Gebrechlichkeit, die am
sichtbarsten mit dem Alter zusammenhängen, werden in
diesem Licht zu einem Hinweis auf die gegenseitige
Abhängigkeit und notwendige Solidarität, die
die Generationen miteinander verbinden. Denn jeder Mensch
braucht den anderen und wird durch die Gaben und
Charismen aller bereichert.
Treffend klingen in diesem Zusammenhang die
Überlegungen eines Dichters, der mir viel bedeutet.
Er schreibt:"Ewig ist nicht allein die Zukunft, nicht sie
allein!... Ja, auch die Vergangenheit ist das Zeitalter
der Ewigkeit: Alles bereits Geschehene wird einst nicht
so zurückkehren, wie es früher war... Es wird
als Idee zurückkehren, es wird nicht als es selbst
zurückkehren".(17)
"Ehre deinen Vater und deine Mutter"
11. Warum also sollen wir nicht
weiterhin dem alten Menschen jenen Respekt zollen, auf
den die gesunden Traditionen vieler Kulturen auf jedem
Erdteil Wert gelegt haben? Für die Völker der
Region, die der biblische Einfluß erreichte, wurde
immer der Bezug zum Gebot des Dekalogs hergestellt:"Ehre
deinen Vater und deine Mutter"; eine Pflicht
übrigens, die allgemein anerkannt wird. Der vollen,
konsequenten Anwendung dieses Gebotes entsprang nicht nur
die Liebe der Kinder zu ihren Eltern; es wurde auch das
starke Band hervorgehoben, das zwischen den Generationen
besteht. Wo das Gebot angenommen und treu befolgt wird,
wissen die alten Menschen, daß sie nicht Gefahr
laufen, als nutzlose, im Weg stehende Last angesehen zu
werden.
Das Gebot lehrt noch etwas: Denen, die uns vorausgegangen
sind, gebührt Achtung für all das Gute, das sie
getan haben,"Vater und Mutter"deuten auf die
Vergangenheit hin, auf die Verbindung zwischen den
Generationen, die Voraussetzung, die überhaupt die
Existenz eines Volkes erst ermöglicht. Nach den zwei
in der Bibel vorgelegten Fassungen (vgl. Ex 20, 2-17; Dtn
5, 6-21) nimmt dieses göttliche Gebot auf der
zweiten Tafel, auf der die Pflichten des Menschen
gegenüber sich selbst und gegenüber der
Gesellschaft entfaltet sind, den ersten Platz ein. Es ist
ferner das einzige Gebot, mit dem eine Verheibung
verbunden ist:"Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit
du lange lebst in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir
gibt"(Ex 20, 12; vgl. Dtn 5, 16).
12. "Du sollst vor grauem Haar
aufstehen, das Ansehen eines Greises ehren"(Lev 19, 32).
Den alten Menschen Ehre entgegenzubringen, das
umfaßt eine dreifache Verpflichtung ihnen
gegenüber: Annahme, Beistand und Wertschätzung
ihrer Eigenschaften. In vielen Kreisen geschieht das fast
selbstverständlich, wie aus alter Gewohnheit.
Anderswo, besonders in den wirtschaftlich wohlhabenderen
Nationen, muß die Richtung geändert werden,
damit die Menschen in vorgerückten Jahren mit
Würde alt werden können, ohne befürchten
zu müssen, schließlich nichts mehr zu
zählen. Es gilt, sich davon zu überzeugen,
daß Achtung und Liebe gegenüber den alten
Menschen, die sich trotz des Schwindens ihrer Kräfte
als lebendiger Teil der Gesellschaft fühlen sollen,
zu einer wirklich menschlichen Zivilisation gehört.
Schon Cicero schrieb, daß"die Last des Alters
für den leichter ist, der sich von den Jungen
geachtet und geliebt fühlt".(18)
Im übrigen bleibt der menschliche Geist, obgleich er
am Alterungsprozeß des Körpers teilhat, in
einem gewissen Sinn immer jung; er muß nur dem
Ewigen zugewandt leben. Dieses immerwährende
Jungsein macht er dann zu einer lebendigeren Erfahrung,
wenn sich mit dem inneren Zeugnis des guten Gewissens die
zuvorkommende, dankbare Zuneigung lieber Menschen
verbindet. Der Mensch wird also, wie der hl. Gregor von
Nazianz schreibt,"geistig nicht altern; er wird den Abbau
als den Zeitpunkt annehmen, der durch die notwendige
Freiheit festgelegt wurde. Sanft wird er ins Jenseits
hinübergehen, wo keiner unreif oder alt ist, sondern
sich alle in der Vollkommenheit des geistigen Alters
befinden".(19)
Wir alle kennen eindrucksvolle Beispiele alter Menschen
mit erstaunlicher Jugendlichkeit und Geisteskraft.
Für den, der auf sie zugeht, sind sie durch ihre
Worte ein Anspron und mit ihrem Beispiel ein Trost.
Möge die Gesellschaft die alten Menschen, die in
manchen Regionen der Welt -- ich denke da besonders an
Afrika -- zu Recht als"lebende Bibliotheken"der Weisheit,
als Hüter eines unschätzbaren Erbes
menschlicher und geistiger Zeugnisse hochgeschätzt
werden, voll zur Geltung kommen lassen. Es trifft zwar
zu, daß sie in physischer Hinsicht im allgemeinen
auf Hilfe angewiesen sind, doch ebenso wahr ist,
daß sie in ihrem vorgerückten Alter den
Schritten der jungen Menschen Rückhalt bieten
können, die in den Horizont des Lebens hinaustreten,
um dessen Wege zu erkunden.
Während ich von den alten Menschen spreche, kann ich
nicht umhin, mich auch an die Jungen zu wenden. Ich lade
sie ein, den Alten beizustehen. Ich fordere euch, liebe
junge Leute, auf, dies mit Liebe und Hochherzigkeit zu
tun. Die alten Menschen vermögen euch viel mehr zu
geben, als Ihr euch überhaupt vorstellen könnt.
Das Buch Jesus Sirach spricht in diesem Zusammenhang die
Mahnung aus:"Verachte nicht die Überlieferung der
Alten, die sie übernommen haben von ihren
Vätern"(8, 9);"Verweile gern im Kreis der Alten, wer
weise ist, dem schließ dich an!"(6, 34); denn den
Hochbetagten"steht Weisheit gut an"(25, 5).
13. Die christliche Gemeinschaft
kann von der Gelassenheit, mit der die älteren
Menschen ihr Leben gestalten, viel empfangen. Ich denke
vor allem an die Evangelisierung. Ihre Wirksamkeit
hängt nicht in erster Linie von der Arbeitsleistung
ab. In wievielen Familien empfangen die Enkel von den
Großeltern die ersten Grundlagen des Glaubens! Aber
es gibt noch viele andere Bereiche, wo sich der Beitrag
alter Menschen wohltuend auswirken kann. Der Geist
handelt, wie und wo er will. Dazu bedient er sich nicht
selten menschlicher Wege, die in den Augen der Welt wenig
zu zählen scheinen. Wieviele Menschen finden
Verständnis und Trost bei alten, einsamen oder
kranken Personen, die aber fähig sind, durch
liebevollen Rat, durch das stille Gebet und durch das
Zeugnis des mit geduldiger Ergebung angenommenen Leidens
Mut zuzusprechen! Gerade während die Kräfte
schwinden und die Leistungsfähigkeit
nachläßt, werden diese unsere Brüder und
Schwestern um so wertvoller im geheimnisvollen Plan der
Vorsehung. Auch unter dieser Hinsicht und nicht nur wegen
eines offensichtlichen psychologischen Bedürfnisses
des alten Menschen selbst ist der natürlichste Ort,
um den Zustand des Altseins zu leben, die Umgebung, in
der er"zu Hause"ist, also unter Verwandten, Bekannten und
Freunden, und wo er noch einige Dienste leisten kann.
Während durch das Ansteigen des durchschnittlichen
Lebensalters die Gruppe der alten Menschen wächst,
wird es immer dringender, eine Kultur zu fördern, in
der das Alter angenommen und geschätzt, nicht aber
an den Rand der Gesellschaft verbannt ist. Das Ideal
bleibt der Aufenthalt des alten Menschen in der Familie,
zugleich mit der Gewährleistung wirksamer sozialer
Hilfen für die wachsenden Bedürfnisse, die
Alter oder Krankheit mit sich bringen. Es gibt allerdings
Situationen, wo die Umstände selbst die
Unterbringung in einem "Altenheim"anraten oder
unumgänglich machen, damit der Betagte sich der
Gesellschaft mit anderen Personen erfreuen und eine
fachgerechte Betreuung in Anspruch nehmen kann. Solche
Häuser sind daher lobenswerte Einrichtungen, und die
Erfahrung sagt, daß sie in dem Maße, in dem
sie sich nicht nur an den Kriterien der organisatorischen
Effizienz, sondern auch der liebevollen Sorge
inspirieren, einen wertvollen Dienst leisten können.
In diesem Sinn ist alles leichter, wenn seitens der
Angehörigen, Freunde und Pfarrgemeinden eine
Beziehung zu den einzelnen Heimbewohnern besteht, die
diesen hilft, sich als geliebte und für die
Gesellschaft noch nützliche Menschen zu fühlen.
Und wie sollte man hier nicht voll Bewunderung und
Dankbarkeit an die Ordenskongregationen und an die
Gruppen Freiwilliger denken, die sich mit besonderer
Sorge gerade der Betreuung der alten Menschen widmen -
vor allem der ärmsten unter ihnen, die verlassen
sind oder sich in Schwierigkeiten befinden?
Ich bin euch, meine lieben betagten Brüder und
Schwestern, die ihr euch aus gesundheitlichen oder warum
auch immer in einer schwierigen Lage befindet, voll
Zuneigung nahe. Wenn Gott unser Leiden, das durch
Krankheit, Einsamkeit oder anderen Gründen, die mit
dem vorgerückten Alter verbunden sind,
zuläßt, schenkt er uns immer die Gnade und die
Kraft, daß wir uns mit noch mehr Liebe mit dem
Opfer seines Sohnes vereinen und noch intensiver an
seinem Heilsplan teilnehmen. Sind wir davon
überzeugt: Er ist unser Vater, ein Vater reich an
Liebe und Barmherzigkeit!
In besonderer Weise denke ich an euch, verwitwete
Männer und Frauen, die ihr die letzte Wegstrecke
eures Lebens allein gehen müßt; an euch,
betagte Ordensmänner und Ordensfrauen, die ihr lange
Jahre hindurch treu der Sache des Himmelreiches gedient
habt; an euch, liebe Brüder im Priester- und
Bischofsamt, die ihr wegen Erreichung der Altersgrenze
die direkte Verantwortung des Hirtenamtes abgegeben habt.
Die Kirche braucht euch noch. Sie weiß die Dienste
zu schätzen, die ihr euch in verschiedenen Bereichen
des Apostolats noch zutraut, sie zählt auf euren
Beitrag, den ihr durch ausgedehntes Gebet leisten
könnt, sie erwartet euren erfahrenen Rat und sie
wird bereichert durch das Zeugnis des Evangeliums, das
ihr Tag für Tag ablegt.
"Du zeigst mir den Pfad zum Leben. Vor deinem
Angesicht herrscht Freude in Fülle" (Ps 16,
11)
14. Es ist nur natürlich,
daß einem mit zunehmenden Jahren der Gedanke an den
"Lebensabend" vertraut wird. Wenn nichts anderes, so
erinnert uns daran die Tatsache, daß sich die
Reihen unserer Angehörigen, Freunde und Bekannten zu
lichten beginnen. Wir werden uns dessen bei verschiedenen
Gelegenheiten bewußt, zum Beispiel bei Familien-
und Klassentreffen, bei Zusammenkünften mit unseren
Freunden aus Kindheitstagen, mit unseren Studienkollegen
und mit unseren Kameraden beim Militär, mit unseren
Kurskollegen im Seminar ... Die Grenze zwischen Leben und
Tod verläuft quer durch unsere Gemeinschaften und
rückt für einen jeden von uns unerbittlich
näher. Wenn das Leben eine Pilgerschaft zur
himmlischen Heimat ist, so ist das Alter die Zeit, wo man
selbstverständlicher auf die Schwelle der Ewigkeit
schaut.
Trotzdem haben auch wir Alten Mühe damit, uns mit
der Aussicht auf diesen Übergang abzufinden. Er
stellt nämlich in dem von der Sünde
gezeichneten menschlichen Dasein eine dunkle Dimension
dar, die uns notgedrungen traurig macht und Angst
bereitet. Wie könnte es auch anders sein? Der Mensch
ist für das Leben erschaffen, während der Tod
-- wie uns die Schrift schon auf den ersten Seiten
erklärt (vgl. Gen 2-3) -- nicht im
ursprünglichen Plan Gottes lag, sondern eine Folge
der Sünde ist, der Frucht aus dem"Neid des
Teufels"(Weish 2, 24). Man versteht also, warum sich der
Mensch gegen diese finstere Wirklichkeit wehrt und
auflehnt. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang,
daß Jesus,"der in allem wie wir in Versuchung
geführt worden ist, aber nicht gesündigt
hat"(Hebr 4, 15), selber Angst vor dem Tod hatte:"Mein
Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir
vorüber..."(Mt 26, 39). Und wie könnte man die
Tränen vergessen, die er am Grab seines Freundes
Lazarus vergoß, obwohl er sich anschickte, ihn ins
Leben zurückzuholen (vgl. Joh 11, 35)?
So sehr auch der Tod in biologischer Hinsicht rational
verständlich ist, so bleibt es doch unmöglich,
ihn mit"Natürlichkeit"zu leben. Er steht im
Widerspruch zum tiefsten Instinkt des Menschen. Die
Aussage des Konzils dazu lautet:"Angesichts des Todes
wird das Rätsel des menschlichen Daseins am
größten. Der Mensch erfährt nicht nur den
Schmerz und den fortschreitenden Abbau des Leibes,
sondern auch, ja noch mehr die Furcht vor
immerwährendem Verlöschen".(20) Sicher bliebe
der Schmerz untröstlich, wenn der Tod die
vollständige Zerstörung, das Ende von allem
wäre. Der Tod zwingt daher den Menschen, sich die
radikalen Fragen nach dem eigentlichen Sinn des Lebens zu
stellen: Was gibt es jenseits der Mauer, die der Schatten
des Todes aufgerichtet hat? Markiert der Tod das
definitive Ende des Lebens oder gibt es etwas, das
über ihn hinausreicht?
15. Von den ältesten Zeiten bis
herauf in unsere Tage fehlt es in der Kultur der
Menschheit nicht an oberflächlichen Antworten, die
das Leben auf unser Leben hier auf Erden
einschränken. Im Alten Testament läßt uns
eine Stelle im Buch Kohelet an das Alter denken, als ob
es ein im Abbruch befindliches Gebäude wäre.
Der Tod wäre dann dessen vollständige und
endgültige Zerstörung (vgl. 12, 1-7). Aber
gerade im Licht dieser pessimistischen Antworten gewinnt
die hoffnungsvolle Aussicht, die von der Offenbarung
insgesamt und besonders vom Evangelium ausgeht,
größte Bedeutung:"Gott ist kein Gott von
Toten, sondern von Lebenden"(Lk 20, 38). Der Apostel
Paulus bezeugt, daß der Gott, der die Toten
lebendig macht (vgl. Röm 4, 17), auch unseren
sterblichen Leib lebendig machen wird (vgl. ebd., 8, 11).
Und Jesus sagt von sich selbst:"Ich bin die Auferstehung
und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn
er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird
auf ewig nicht sterben"(Joh 11, 25-26).
Nachdem Christus die Grenze des Todes überschritten
hatte, offenbarte er das Leben, das es jenseits dieser
Grenze in jenem vom Menschen unerforschten"Gebiet"gibt,
das Ewigkeit heißt. Jesus Christus ist der erste
Zeuge des unsterblichen Lebens; in ihm offenbart sich in
Fülle des Menschen Hoffnung auf
Unsterblichkeit."Bedrückt uns auch das Los des
sicheren Todes, so tröstet uns doch die
Verheißung der künftigen Unsterblichkeit".(21)
Auf diese Worte, die den Gläubigen die Liturgie als
Trost in der Stunde des Abschieds von einem geliebten
Menschen anbietet, folgt eine hoffnungsvolle
Ankündigung:"Denn deinen Gläubigen, o Herr,
wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die
Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist
uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet".(22) In
Christus wird der Tod als dramatische und
bestürzende Realität freigekauft und gewandelt,
um das Gesicht eines"Bruders"anzunehmen, der uns in die
Arme des Vaters führt.(23)
16. Der Glaube erleuchtet so das
Geheimnis des Todes und flößt dem Alter
Gelassenheit ein: Es wird nicht mehr als passives Warten
auf ein zerstörerisches Ereignis, sondern als
verheißungsvolle Annäherung an das Ziel der
vollen Reife angesehen und erfahren. Es sind Jahre, die
mit dem Gefühl gelebt werden sollen, daß man
sich vertrauensvoll den Händen Gottes, des
umsichtigen und barmherzigen Vaters,
überläßt; eine Zeit, die für eine
Vertiefung des geistlichen Lebens durch Intensivierung
des Gebets und Verpflichtung zur liebevollen Hingabe an
die Brüder kreativ genutzt werden soll.
Daher verdienen alle sozialen Initiativen Lob, die es den
alten Menschen ermöglichen, sich sowohl
körperlich, intellektuell und im Beziehungsleben
weiterzubilden als auch sich dadurch nützlich zu
machen, daß sie ihre eigene Zeit, ihre
Fähigkeiten und ihre Erfahrung den anderen anbieten.
Auf diese Weise erhält und steigert man die
Lebensfreude, die ein grundlegendes Gottesgeschenk ist.
Andererseits steht zu dieser Lebensfreude jenes Verlangen
nach der Ewigkeit nicht in Widerspruch, das in allen
heranreift, die eine tiefe geistliche Erfahrung machen.
Das bezeugt das Leben der Heiligen.
Diesbezüglich erinnert uns das Evangelium an die
Worte des alten Simeon, der erklärt, zum Sterben
bereit zu sein, nachdem er den erwarteten Messias in
seine Arme schließen konnte:"Nun läßt
du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden
scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen"(Lk 2,
29-30). Der Apostel Paulus fühlte sich gleichsam
hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch weiterzuleben,
um das Evangelium zu verkünden, und der Sehnsucht
danach,"aufzubrechen und bei Christus zu sein"(Phil 1,
23). Der hl. Ignatius von Antiochia bezeugte,
während er voll Freude das Martyrium erlitt, im
Herzen die Stimme des Heiligen Geistes zu hören. Sie
glich lebendigem"Wasser", das in seinem Inneren entsprang
und ihm die Einladung zuflüsterte:"Komm zum
Vater".(24) Die Beispiele ließen sich
weiterführen. Sie werfen keinerlei Schatten auf den
Wert des irdischen Lebens, das trotz Einschränkungen
und Leiden schön ist und bis zum Ende gelebt werden
muß. Sie erinnern uns jedoch daran, daß
dieses Leben nicht der letzte Wert ist, daß also
nach christlicher Auffassung der Lebensabend die Konturen
eines"Überganges"annimmt, einer von einem Leben zum
anderen geschlagenen Brücke zwischen der
zerbrechlichen und unsicheren Freude dieser Erde und der
vollkommenen Freude, die der Herr seinen treuen Dienern
bereitet:"Komm, nimm teil an der Freude deines Herrn!"(Mt
25, 21).
Ein Glückwunsch zum Leben
17. Während ich euch, meine
lieben betagten Brüder und Schwestern, in diesem
Geist wünsche, mit ruhiger Gelassenheit die Jahre zu
leben, die der Herr für einen jeden bereitet hat,
spüre ich das spontane Verlangen, euch bis zum
Letzten an den Gefühlen teilhaben zu lassen, die
mich am Ende meines Lebens, nach mehr als zwanzig Jahren
des Dienstes auf dem Stuhl Petri und in Erwartung des vor
der Tür stehenden dritten Jahrtausends bewegen.
Trotz der Einschränkungen, die mit dem Alter
verbunden sind, bewahre ich mir die Lebensfreude.
Dafür danke ich dem Herrn. Es ist schön, sich
bis zum Ende für die Sache des Reiches Gottes zu
verzehren.
Gleichzeitig empfinde ich einen großen Frieden,
wenn ich an den Augenblick denke, in dem der Herr mich zu
sich rufen wird: vom Leben ins Leben! Darum kommt mir
häufig, ohne jeden Anflug von Traurigkeit, ein Gebet
auf die Lippen, das der Priester nach der
Eucharistiefeier spricht: In hora mortis meae voca me, et
iube me venire ad te -- in der Stunde des Todes rufe mich
und laß mich zu dir kommen. Das ist das Gebet der
christlichen Hoffnung, das der Freude über die
gegenwärtige Stunde keinen Abbruch tut, während
es die Zukunft dem Schutz der göttlichen Güte
anheimstellt.
18. "Iube me venire ad te!": Das ist
die tiefste Sehnsucht des menschlichen Herzens, auch bei
denen, die sich dessen nicht bewußt sind.
Gib, o Herr des Lebens, daß wir uns dessen klar
bewußt werden und jeden Abschnitt unseres Lebens
als Geschenk auskosten, das voll weiterer
Verheißungen ist.
Laß deinen Willen mit Liebe an uns geschehen, indem
du uns jeden Tag in deine barmherzigen Arme nimmst.
Wenn der Augenblick des
endgültigen"Übergangs"gekommen ist, laß
uns ihn mit heiterem Herzen antreten, ohne dem
nachzutrauern, was wir zurücklassen. Denn wenn wir
nach langer Suche dir begegnen, werden wir jeden echten
Wert wiederfinden, den wir hier auf Erden erfahren haben.
Auch werden wir all jene wiedertreffen, die uns
vorausgegangen sind im Zeichen des Glaubens und der
Hoffnung.
Und du, Maria, Mutter der pilgernden Menschheit, bitte
für uns"jetzt und in der Stunde unseres Todes".
Drücke uns immer fest an Jesus, deinen geliebten
Sohn und unseren Bruder, den Herrn des Lebens und der
Herrlichkeit.
Amen!
Aus dem Vatikan, am 1. Oktober 1999.